Filmfestival Cannes                   Über das Komponieren … von Musik                Das Jahrhundertkonzert – Ouvertüre

Freitag

Intelligenz ist anscheinend eine Funktion der gerade zurück gelegten Entfernung. Nach 9 Stunden Autofahrt von Schlehdorf nach Cannes habe ich den IQ einer Tulpe.

In einer italienischen Raststätten fange ich mir einen Ohrwurm ein. Den spielt mir jetzt mein Hirn ununterbrochen vor. Ich muss mich ablenken und rechne: Die „Melodie“ dauert 16 Takte. Bei einem 4/4 Takt sind das 64 Beats, also 32 Sekunden bei bpm 120. Bei 130 km/Stunde sind das 130 geteilt durch 60 Minuten,  geteilt durch ca. 2: …. Gut ein Kilometer. Jeder idiotische Refrain bringt mich Cannes gut einen Kilometer näher.

Das mit der Ablenkung hat nicht geklappt, ich höre den Song die nächsten 100 km.

Welcher Song? Sage ich nicht. Will nicht auch noch zum Übertrager werden.

Ich fahre an Finale Ligure vorbei. Micki Meuser, der Präsident meines Berufsverbandes DEFKOM ruft an. Er hängt bei Dreharbeiten in Budapest fest und kann nicht auf unserer Veranstaltung in Cannes sprechen. Ob ich das übernehme? Ok.

Samstag

Filmfestival Cannes. Es regnet nicht, … es schüttet.

In Cannes geht es nicht etwa darum, möglichst viele Filme zu sehen, sondern man versucht möglichst viele Menschen zu treffen. Viele Termine. Der Vorteil ist, dass alles sehr viel schneller geht. Hier kann ich an einem Nachmittag 6 Gespräche führen. Sonst müsste ich u.U. für jedes einzelne davon nach Berlin düsen.

Ausserdem läuft man sich in Cannes dauernd über den Weg. Es gibt die Meeting-Places, an denen man sich niederlässt und überteuerten Kaffee trinkt. Leute, mit denen ich vor 15 Jahren gearbeitet habe, kommen vorbei…. Man redet.

Ich weiß noch nicht, ob der Regen wirklich ein Nachteil ist. Man hockt in Strandpavillon zusammen, es wird ein wenig dampfig. Keiner will raus in den Regen.

Letztes Jahr hatte unser Verband (in meinem Fall die DEFKOM – Deutsche Filmkomponistenunion) einen Empfang mit dem Staatsmininster für Kultur und Medien Bernd Neumann. Der Pavillon selbst war nur 40 Quadratmeter, hatte aber einen großen „Vorgarten“. Wir waren sehr gut besucht. Der Minister kam mit seinem Gefolge. Es regnete in Strömen. Alle versuchten, in die überdachten 40 Quadratmeter zu kommen. Selten war ich meiner Regierung so nahe. Neumann ist ein phantastischer Redner. Hat auch was zu sagen.

Natürlich habe ich keinen Schirm dabei – ist aber kein Problem, Alle 10 Meter steht ein Afrikaner und verkauft Schirme. Für 10 Euro. Zweimal wird er mir heute geklaut. Der Schirm.

Jeder, JEDER hat nasse Unterschenkel.

Ich stehe im Palais und schaue hinaus ins Schneetreiben. … Ok, ich übertreibe. … Ein wenig.

„Looks like the end of the world, doesn’t it?“ Neben mir steht eine Engländerin.

Gerade hatte ich ein Gespräch mit einem deutschen Vertrieb. „Dreht ihr auf Englisch?“ – „Nein.“ „Habt ihr im Ausland bekannte Schauspieler wie zum Beispiel Til Schwaiger?“ – „Nein.“ „Spielt die Geschichte vielleicht in der Karibik?“ – „Nein. … In Kochel. … … … und Umgebung“ …… Er schaut über meine Schulter, ob vielleicht jemand interessanter in der Nähe ist.

Die Engländerin: Es stellt sich heraus, das ihr ein englischer Vertrieb gehört. Ich erzähle von dem gerade erlebten Fiasko. „Everybody wants to sell an british comedy.“ Super! Sieht jemand von uns zufällig so aus wie Hugh Grant?

Dann erzählt sie, dass sie als britischer Verleih gerne ausländische Filme vertreibt. … Oh.

Sie gibt mir die DVD eines slowenischen Filmes, den sie im Programm hat: SHANGHAI GYPSY. Ich schaue mir später den Film an. Englische Untertitel. Keine bekannten Schauspieler. Spielt in Slowenien.

Er ist großartig! http://shanghaigypsy.com

Sonntag

Sonne, Windstille.

Die Frauen tragen Sommerkleider. Die Absätze sind turmhoch. Vor ein paar Jahren rief mich Martina auf dem Festival an. Fragte, wie die Frauen aussehen. „Lingerie-Look ist IN.“ Hätte ich besser nicht gesagt.

Ich gehe in den deutschen Pavillon. Alle sind unter 30. Ich hebe den Altersdurchschnitt um 10 %.

Jemand von der Nordmedia läd mich zum Screening ein: German Shorts in Cannes. Ach so. Das sind alles Studenten.

Das Screening findet im Star Kino statt. 13 deutsche Kurzfilme von Avantgarde bis Genre. Einer gefällt mir besonders: EAT. Ein Fashion Photo Modell. Dünn wie ein Stock. Geht in der Pause in ihre Garderobe. Und isst sie auf. Ihre Garderobe. Genau meine Art Film! http://www.filmportal.de/film/eat_6ff5feceacd4458a846ededd71f3b56f

Wir kommen aus dem Kino. Es ist schweinekalt. Die Afrikaner verkaufen Schirme, anscheinend kommt Regen. Die Frauen tragen Sommerkleider. Die Absätze sind turmhoch.

Später treffe ich im Grand Hotel unseren Produzenten Michi Hieber. Josef Rusnak ist auch hier. Es wird spät.

Montag

Großer Tag der Deutschen Filmmusik in Cannes. Ausnahmsweise spielt das Wetter mit. Mehr oder weniger. Kein Regen, aber Sturm. Geschätze 7 Beaufort an der Croisette. Hohe Absätze sind von Nachteil.

Irgendwo hier ist Nicole Kidman.

 

Aber nicht bei uns. Wir schlagen uns redlich und machen Program von 12 bis 20 Uhr. Ich interviewe zum Beispiel die Major Minors. Haben dieses Jahr die Lola gewonnen für OH BOY. Zwei Minuten vorher finden sie raus, das wir das Interview auf Englisch machen. Oh Boy….

Und Pause!

Bevor er Hollywood Regisseur wurde, war Josef Rusnak mal Musiker. Er, Helmut Zerlett von der Harald Schmidt-Show und ich reden eine halbe Stunde. Über Hammond Orgeln. Michi Hieber – unser Produzent – muss zuhören.

Ich habe mal mit 2 Saxophonisten im Zugabteil gesessen. Die Unterhaltung ging um Saxophon-Mundstücke. Ununterbrochen. Von München bis Nürnberg. Hinter Nürnberg wurde geschwiegen.

Einer meiner Komponistenkollegen spricht mit meinem Produzenten über LAUTHOLZ. Wenn ich die Musik nicht selbst mache, ob er vielleicht ….

Der Minister spricht. Bernd Neumann ist ein phantastischer Redner. Hat auch was zu sagen. Ich muss sofort danach ins Grand Hotel. Jemand möchte mir mir über einen Vampirfilm sprechen. Nach 10 Minuten geht die Unterhaltung nicht mehr über das Projekt, sondern über Frank Zappa, dessen Musik wir beide mögen. Wie kam das eigentlich?

Alle sind wegen dem Wind durch den Wind. Ich habe abends zwei Verabredungen zum Abendessen. Splitte es in Essen und Dessert. Es wird spät.

Dienstag

Ich fahre zurück. Höre Podcasts von KCRW über Crowdfunding.

Im Prinzip nichts anderes als das, was wir mit Lautholz machen. Nur daß bei uns die Leute anstatt Geld reale Dinge und Leistungen einbringen. Arbeit, Geräte, Catering, …

Eher Krautfunding als Crowdfunding.

Intelligenz ist anscheinend eine Funktion der gerade zurück gelegten Entfernung. Nach 9 Stunden Autofahrt zurück in Schlehdorf habe ich den IQ einer Tulpe.

Und das war Cannes.

 

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